header__2019
© St:WUK

Aus dem Alltag einer Projektmitarbeiterin

Wenn eine ehemalige Buchhändlerin in ein Naturprojekt einsteigt

"Ob ich eine Rezension über ein Buch, in dem es um Kraken geht, schreiben mag, fragt mich Daniela. Daniela ist die Leiterin des Projektes, bei dem ich mitarbeite, und mit Sicherheit einer jener Menschen, denen nichts ferner liegt als andere zu schikanieren, also nehme ich die Herausforderung an. Oktopoden, aha, in der Tat eine Herausforderung, denn es handelt sich anscheinend nicht um ein Sachbuch, sondern um eine moderne Erzählung, und das wiederum ist eigentlich nicht unbedingt meine Lieblingsecke. Abgesehen davon habe ich lächerlicherweise beim Gedanken an Kraken sofort alte Buchillustrationen vor meinem inneren Auge, bei denen riesengroße vielarmige Meeresungeheuer bei dramatischem Wellengang ganze Schiffe mitsamt Mannschaft in die Tiefe ziehen.

Das Rezensionsexemplar liegt ein paar Tage auf meinem Schreibtisch. Zwischenzeitlich recherchiere ich ein wenig über Sy Montgomery, die Autorin. Sie ist eine Naturforscherin mittleren Alters und wirkt auf den Fotos im Internet ziemlich sympathisch und wie die nette Frau von nebenan. Das Buch war in namhaften Bestsellerlisten vertreten, doch aus meiner Zeit als Buchhändlerin weiß ich, dass solche Rankings mitunter mit Vorsicht zu genießen sind. Zusehends neugierig auf „Rendezvous mit einem Oktopus" bin ich aber mittlerweile trotzdem.

Die Erzählung beginnt mit der direkten haptischen Begegnung zwischen dem Oktopusweibchen Athena und der Autorin im New England Aquarium - und lässt mich von da an nicht mehr los. Ein literarischer Oktopus sozusagen. Sy Montgomery erzählt von weiteren Begegnungen mit Athena und vermittelt nebenher wundersame Fakten über Oktopoden und auch Insiderwissen; so schreibt sie beispielsweise, dass manche Forscher*innen nicht wagen, neue Erkenntnisse über manche Tierarten zu veröffentlichen. Der Grund: Emotionen und Intelligenz werden bei Tieren noch immer häufig kleingeredet, und jedes anderslautende Forschungsergebnis wird als Ketzerei eingestuft.

Tintenfische haben nur eine relativ kurze Lebensdauer von wenigen Jahren, und so trifft Athenas Tod die Autorin unvorbereitet und hart. Mich als Leserin seltsamerweise auch, und in mir steigt ein Gefühl auf, das ich von so manchem letzten Gang zum Tierarzt her kenne, aufsteigende Tränen inbegriffen.

Sy (wir sind mittlerweile in meinen Gedanken per „du") lernt weitere Oktopoden kennen - jedes dieser Tiere mit einer eigenen Persönlichkeit, wie sie zwar manchen Säugetieren mittlerweile zugestanden wird, jedoch kaum Fischen und wirbellosen Tieren. Die Fähigkeit, anderen Menschen Gedanken zuzuschreiben, die durchaus von den eigenen abweichen können, wird in der Psychologie als „Theory of Mind" bezeichnet; Oktopoden scheinen diese Fähigkeit ebenfalls zu besitzen. Sy schildert Beispiele, die keine anderen Rückschlüsse zulassen, und ich staune mit jeder gelesenen Seite mehr über diese für mich völlig neue Welt.

Immer mehr Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Wille und Entscheidungsfähigkeit nicht nur dem Menschen zugeordnet werden dürfen. Kraken verfügen auch über die gleichen Neurotransmitter wie Menschen - und über die Fähigkeit, Menschen wiederzuerkennen und Vertrauen zu entwickeln. Nicht erst an dieser Stelle tritt die philosophische Seite dieses Buches zutage; die Begegnung mit dem Meer besitzt grundsätzlich starke meditative Aspekte, und bei Begegnungen mit Kraken ändert sich sogar die zeitliche Wahrnehmung.

Mein bleibender Eindruck: Wenn es eine gelungene Verbindung zwischen Sachbuch und Erzählung gibt, dann in Form dieses mit Herz und Verstand geschriebenen Buches. Im von Donna Leon verfassten Nachwort erfahre ich, dass der Titel im Original „Die Seele eines Tintenfisches" lautet. Als verkaufsfördernd für den deutschsprachigen Raum dürfte dieser Titel nicht eingestuft worden sein, das Wesen dieses Buches trifft er jedoch haargenau."
Maria Hofbauer

"Frau Hofbauer arbeitet seit September 2020 in der Natur.Werk.Stadt beim Naturschutzbund Steiermark. Sie wurde für den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eingestellt. Dass die ehemalige Buchhändlerin so wunderbare Texte schreibt, in Windeseile lesen und lektorieren kann und stets bereit ist für jegliche Schreib-, Lese- und Sortieraufgabe, ist ein unheimlicher Mehrwert und Gewinn für das Projekt und den Naturschutzbund Steiermark. Ich schätze mich sehr glücklich, eine so kompetente, freundliche und engagierte Mitarbeiterin im Team zu haben."
Daniela Zeschko

Rendezvous mit einem Oktopus © Diogenes
Rendezvous mit einem Oktopus
© Diogenes
Bücher © Daniela Zeschko
Bücher
© Daniela Zeschko
War diese Information für Sie nützlich?

Danke für Ihre Bewertung. Jeder Beitrag kann nur einmal bewertet werden.

Die durchschnittliche Bewertung dieses Beitrages liegt bei ( Bewertungen).