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Österreichisches Exil in Britisch-Indien 1938-1945

Vortrag von Margit Franz, St. Pölten 2008 - zusammengefasst von Dr. Renate Metlar.

Indien war - als es ein Zufluchtsort für Verfolgte aus Europa wurde - ein besetztes Land, was die offizielle Bezeichnung BRITISCH-INDIEN auch verdeutlicht. Am indischen Subkontinent war die zunächst wirtschaftliche Monopolstellung der britischen Ostindien-Kompanie seit 1857 vom britischen Empire auch politisch institutionalisiert worden und führte zur Konsolidierung der britischen Vormacht mit einem britisch-indischen Polizei- und Beamtenapparat. Die Königin von England war zur Kaiserin von Indien gekrönt worden, das britische Weltreich hatte Indien zu seinem „Nicht Jewel, sondern Jewel of the Crownin the Crown" des Commonwealth erkoren und ein Administrations- und Kommunikationsnetz über den Subkontinent gesponnen, das alle Sparten des öffentlichen Lebens, wie Erziehung, Verkehr, Wirtschaft und Militär umfasste.
Die rapide steigenden Flüchtlingszahlen ab 1938 beunruhigten sowohl die Regierung in London wie auch die britisch-indische Regierung in New Delhi. Über die Bekämpfung der indischen Unabhängigkeitsbewegung hinaus, befürchteten sie mit der Aufnahme von Flüchtlingen ein neues Feld politischer Schwierigkeiten zu schaffen. Das sollte unter allen Umständen verhindert werden. Misstrauen gegen ImmigrantenInnen entstand auch aus Angst vor nationalsozialistischer Agitation und Spionage.
Man kann davon ausgehen, dass im Verlauf dieser Zeit viele Deutschsprachige, darunter ca. 50 Steirer nach Britisch-Indien ausgewandert sind. Einer der Bekanntesten unter ihnen war wohl Walter Carl Maria Langhammer, der 1905 in Graz geboren worden war. Nach der Schulzeit studierte er an der Kunstakademie in Wien bei den Professoren Ferdinand Andri, Hans Tichy und Josef Jungwirth und schloss in der Meisterklasse für Malerei bei Prof. Jungwirth im Sommer 1938 sein Studium ab. In Wien erwarb er sich zunächst mit Landschaftsmalerei, Portraits und Karikaturen einen Namen.
Durch die Heirat mit Käthe Urbach, der einzigen Tochter des jüdischen sozialdemokratischen Bezirksvorstehers in Wien, Dr. Otto Urbach, hatte er Zugang zu führenden sozialdemokratischen Kreisen und erhielt von ihnen viele Aufträge. Obwohl er kein Mitglied des „Künstlerhauses Wien" war, beteiligte er sich an zahlreichen Ausstellungen in den 30er Jahren. Die politische Gesinnung seines Schwiegervaters, die jüdische Herkunft seiner Frau und seine eigene politische Einstellung zwangen ihn 1938 nach Indien zu emigrieren. In Bombay stellte sich der künstlerische Erfolg von Langhammer ein. Bereits 1939 gewann er die Goldmedaille der „Bombay Art Society" und war integraler Bestandteil des künstlerischen Lebens in der Metropole am arabischen Meer. Bekannt wurde Langhammer auch durch die Veröffentlichung von Anti-Nazi-Karikaturen, die dann auch seine Entlassung aus der Internierung 1940 bewirkten.
Bombay war in den späten 1940er und 1950er Jahren sowohl die Kulturhauptstadt
des jungen indischen Nationalstaates als auch das Finanzzentrum des unabhängigen Indiens und wurde somit seiner Stellung als zweitgrößte Stadt des vormaligen britischen Empires auch im postkolonialen Indien gerecht. Hier waren Käthe und Walter Langhammer überaus aktive Mitglieder des „Bombay Art Society Komitee" und diverser anderer Künstlergruppen. Sie pflegten intensiven Kontakt zu anderen deutschsprachigen Emigranten, vorwiegend aus Wien. Mitglieder dieser Gruppe bilden heute das „Who is Who" der indischen modernen Malerei und repräsentieren die Elite der aufstrebenden indischen bildenden Kunst am Weltmarkt.
Walter Langhammer selbst machte sich einen großen Namen als Künstler. Er war Art Director der „Times of India" und auch für die künstlerische Gestaltung der „Illustrate Weekly" und der „Times Annuales" verantwortlich. Trotz dieses sowohl künstlerischen als auch ökonomischen Erfolges mussten die Langhammers 1957 Indien verlassen. Die Familie übersiedelte nach London. An seinen künstlerischen und sozialen Erfolg in Indien konnte Walter Langhammer in der britischen Hauptstadt allerdings nicht mehr anknüpfen. Gebrauchs- und Werbegrafik wurden zur Einkommensquelle des Ehepaares. Auftraggeber für Portraits oder für Aquarelle fanden sich nur mehr in einer österreichischen und tschechischen Exilgemeinde, die sich um eine Gruppe von Freimaurern gebildet hatte.
Walter Langhammer verstarb 20 Jahre nachdem er sein geliebtes Indien verlassen hatte; seine Frau Käthe überlebte ihn um fast 20 Jahre, in denen sie sein künstlerisches Erbe, vor allem in Indien, vor dem Vergessenwerden zu bewahren suchte.

Literaturhinweise zu Walter Langhammer:

Franz Margit, Transnationale und transkulturelle Ansätze in der Exilforschung am Beispiel der Erforschung einer kunstpolitischen Biographie von Walter Langhammer. In: Franz Margit et al (Hrsg.), Mapping Contemporary History. Zeitgeschichten im Diskurs. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 243-272.

Franz Margit, Graz - Wien- Bombay - London: Walter Langhammer, Künstler und Kunstförderer. In: Bouvier Friedrich, Reisinger Nikolaus (Hrsg.), Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Bd. 40. Stadt Graz, Kulturamt: Graz 2010, S. 253- 276.

 

Kontaktadresse:

Dr. Margit FRANZ
Karl-Franzens-Universität Graz
Institut für Geschichte/Zeitgeschichte
Attemsgasse 8/II, 8010 Graz, AUSTRIA
tel: 0043-(0)316-380 80 70
fax: 0043-(0)316-380 97 38
margit.franz@uni-graz.at

 

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